
Seit mehr als 150 Tagen gibt es in Albaniens Hauptstadt Tirana Demonstrationen, die mittlerweile als „Flamingo-Revolution“ zusammengefasst werden. Auslöser für diese riesigen Proteste ist ein Projekt der Trump-Familie zur Errichtung von Luxus-Ressorts gewesen, auf der Sazan-Insel und in der Narta-Lagune nahe der Stadt Vlora im Süden des Landens, beides Naturschutzgebiete. Flamingos kommen in dieser Region wild vor; einer der Gründe, warum dieses Gebiet stark geschützt ist. Durch das Projekt würde der Lebensraum der Flamingos zerstört. Die Tiere sind zum Emblem der Proteste geworden.
Der Unmut der Protestierenden richtet sich aber nicht nur gegen das Projekt, sondern auch gegen die Regierung des Premierministers Edi Rama (PS), der dem Bauvorhaben stattgeben und so Gebiete des Landes ausverkaufen will. Die Proteste sind bis Anfang Oktober meistens friedlich verlaufen. Die Unzufriedenheit über das Bauvorhaben lenkte den Blick jedoch rasch auf andere Probleme im Land. Am 13. Oktober 2026 riefen Studierende daher zum Streik gegen hohe Studiengebühren, prekäre Umstände an den Universitäten und generell gegen die Regierung auf. Die Streikenden schlossen sich den täglichen Demonstrationen an und sorgten für eine derart massive Protestaktion, wie es sie in Albanien seit Jahren nicht mehr gegeben hat. Die Demonstrierenden taten ihrer Wut kund und beschädigten diverse Gebäude wie das Bildungs-, Wirtschafts-, Finanz- und Justizministerium sowie Bankfilialen, die sich auf dem Weg befanden. Bushaltestellen, Strassenlaternen, Müllcontainer, Strassenschilder, Überwachungskameras, Werbetafeln und noch mehr wurden in Brand gesteckt oder sonst wie zerstört. Die Polizei reagierte mit massiver Gewalt. Sie schlugen mit Knüppeln auf die Protestierenden und auf vorbeigehende Minderjährige ein, die nichts mit der Aktion zu tun hatten. Zusätzlich wurden Tränengas und Wasserwerfer eingesetzt. Doch die Massen schlugen mit allen Mitteln, die sie auf der Strasse fanden, zurück. Demonstrant*innen blockierten erfolgreich die Strassen, damit keine Polizeiautos sich ihnen nähern konnten. Die Demonstration spielte sich hauptsächlich im Zentrum der Hauptstadt ab, das nun vollständig davon gezeichnet ist.
Es haben tausende von Menschen daran teilgenommen. Ideologisch war es aber kaum einheitlich: Kommunist*innen, Sozialdemokrat*innen, Nationalist*innen, Liberale und Menschen mit faschistischer Gesinnung sind auf den Strassen gewesen. Gemäss der Einschätzung von mir und meinen Genoss*innen sind die Mehrheit Studierende, die zuvor kaum oder gar nicht politisiert gewesen sind. Alle verbindet das Bewusstwerden der Beherrschung durch den US-Imperialismus. Vor allem wegen der Polizeigewalt ist es für kommunistisch gesinnte Menschen sicherer, wenn sie sich nicht als solche zu erkennen geben. Premierminister Edi Rama wurde des Öfteren als Kommunist bezeichnet (was keineswegs wahr ist). Auch antikommunistische Parolen wie «Nieder mit dem Kommunismus!» hörten wir; worauf Kommunist*innen mit Parolen wie «Tod dem Kapital!» oder «Revolution!» reagierten. Die antikommunistischen Parolen und das Bezeichnen von Rama als Kommunisten haben teilweise mit der westlichen Propaganda zu tun, der die Jugend stark ausgesetzt ist. Sie sind aber auch Ergebnis der albanischen Geschichte und interner Machtdynamiken, die von antikommunistischen Ressentiments profitieren. Die politisch wenig gefestigte Mehrheit der Protestierenden hat, wenn überhaupt, eher eine vage Idee vom Kommunismus. Doch wogegen sie protestieren, sind klar und deutlich Auswirkungen des Kapitalismus.
Wenn auch die Demonstrierenden aus allen möglichen politischen Lagern stammen, eint sie doch die Forderung nach dem Rücktritt des Dieners des westlichen Kapitals Edi Rama. Nachdem der Streik in Tirana angefangen hatte, fingen Studierende und Schüler*innen am darauffolgenden Tag in anderen Städten wie Korça, Durrës, Vlora und Shkodra an zu protestieren. Auch sie wurden mit polizeilichen Repressionen konfrontiert, glücklicherweise weniger gravierend wie in der Hauptstadt. Ungefähr ab dem 17. Oktober setzte die Polizei Gummigeschosse ein. Damit wurden viele Personen schwer verletzt, weil die Polizei direkt auf die Köpfe der Protestierenden und Kindern schoss. Es passierte so oft, dass man nicht mehr von «Einzelfällen» sprechen kann. Viele mussten deswegen ins Krankenhaus gebracht werden.
Ich als Kommunist fand die Demonstration im positiven Sinne überwältigend. Solch ein Ausmass von sichtbarer Unzufriedenheit über den Staat in der Kombination mit einer derartigen Protestaktion gibt Hoffnung in die Jugend. Wir hielten zusammen und versorgten uns gegenseitig mit Masken, steriler Kochsalzlösung, Schutzbrillen und Taschentücher. Für die Notärzt*innen haben wir immer wieder den Durchgang wieder frei gemacht. Viele Menschen, die an uns Protestierenden vorbeiliefen, jubelten uns zu oder schlossen sich spontan der Menschenmenge an. Die Solidarität war sicht- und spürbar.
Das, was in Tirana geschieht, müssen wir als eine Spontanbewegung deuten, die der Herrschaft der Kapitalist*innen und Imperialist*innen nicht bedeutend oder nachhaltig schaden wird. Die Proteste fielen auf fruchtbaren Boden in der Bevölkerung und mobilisierten stark. Es ist ein klares Zeichen, dass die Massen sich nichts mehr so einfach gefallen lassen. Jedoch verlief Vieles unkoordiniert, im Affekt und aus Aktionismus heraus. Hier zeigt sich die dringliche Notwendigkeit einer kommunistischen Kaderpartei, die die Massen erreicht, diese Protestwelle koordiniert, aufrechterhält, anführt und die Bourgeoisie und ihre Lakaien zerschlägt. Nur durch die Überwindung des Kapitalismus kommt es zu gesellschaftlichem Fortschritt.
Ich stehe solidarisch mit den Demonstrierenden, die für eine bessere Zukunft kämpfen und aus jahrelang aufgestauter Wut über die Ungleichheit im Land ihre Hauptstadt in Schutt und Asche legten. Man sollte das, was dort geschieht, nicht ignorieren oder schlimmer noch: als sinnlose Gewalt abtun. In einem Land, das seit dem Zerfall der sozialistischen Volksrepublik vom US-Imperialismus geschwächt wird und in dem die Lebensqualität massiv abgenommen hat, traut sich die Jugend jetzt, auf die Strassen zu gehen, ihre Wut kundzutun und das zu fordern, was ihnen zusteht: eine glänzende Zukunft –
Vdekje imperializmit! Liri popullit!